Inter:Nettes 02/2021

Boro und Kawandi

In dieser Ausgabe möchte ich zum Thema „Stoffspielereien mit Resten“ zwei Techniken aufgreifen, die zwar in unterschiedlichen Erdteilen ihren Ursprung, aber dennoch etwas Gemeinsames haben. Boro und Kawandi, zwei ruhige, entspannende Techniken, die man überall und nicht nur am Nähtisch ausüben kann.

Boro

Ursprünglich ist Boro eine japanische Flicktechnik, die aus großer Not heraus entstanden ist. Arme bäuerliche Landfrauen reparierten Decken, Futons und Kimonos, in dem sie immer wieder Stoffstücke über die entstandenen Löcher legten und diese mit vielen kleinen und dekorativen Stichen auf dem Untergrundstoff fixierten. Während man beim amerikanischen Patchwork aus kaputten Textilien die besten Stücke herausschnitt und zu neuen Patchwork-Flächen aneinandernähte, so ist das auf- und übereinander legen und festnähen für diese japanische Flicktechnik typisch.
Die Projekte der folgenden Links greifen den Grundgedanken von Boro auf, schadhafte Stoffstellen durch Auflegen von Flicken und anschließendes Übernähen zu reparieren

Joy Morgan zeigt in dem Video, wie sie Stoffreste überlappend auf einem Untergrundstoff anordnet und mit großen Stichen mit der Nähmaschine in größeren Abständen befestigt. Anschließend übernäht sie die Fläche mit Vorstichen waagrecht oder senkrecht oder mit Kreuzstichen.

Kathleen Sullivan zeigt in einem Tutorial ihre Methode der Boro-Technik und lässt immer wieder Gedanken von Boro einfließen.

Für einen Miniquilt können auch kleinste Stoffreste verwendet werden. Das Ausfransen der Kanten und unregelmäßige Handstiche in verschiedenen Farben lassen das kleine Stück spannend werden.
Auf dem Wise Craft Handmade Blog sind weitere von Boro inspirierte Arbeiten zu finden.

Die „Selbermacherin“ verwendet für ihre Arbeiten in Boro Technik auch sehr bunte Stoffreste.

Susanne erklärt in einem Beitrag zum Thema „Japan“, wie sie Boro versuchte. Sie hat dabei munter in ihre Restekiste gegriffen und die Stiche recht frei interpretiert. In weiteren Posts zeigt sie, wie sie diese Technik mit Papier oder auch ohne Stofffleckerl anwendet.

Eine Schritt für Schritt Anleitung mit Bildern zeigt, wie eine Tasche, inspiriert von der Boro Technik, mit der Hand genäht werden kann.

Die japanische Methode, Stoffreste zu recyceln, ist ein gutes Beispiel für Nachhaltigkeit. In diesem Beitrag findet ihr eine ausführliche Nähanleitung für eine Boro-Bag (Geschenkverpackung aus Stoffresten) mit Gratis Schnittmuster mit der Nähmaschine genäht.

Susan Fletcher liebt diese Technik. Sie fertigt immer wieder kleine Boro Stoffstücke an. Ihre Methode ist es, jeweils immer nur einen Stoffrest auf dem Trägerstoff an Ort und Stelle festzuhalten, bis dieser übernäht ist. Ihre Reihen sind nicht gerade und ordentlich ausgelegt. Chaotisch und zufällig, aber sehr entspannend. Sie genießt es so zu arbeiten.
Alle gesammelten Teile hat sie dann zu einer Decke zusammengefügt.
Ihr abschließender Tipp: Nähen Sie die Boro Stiche so, wie es Ihnen am besten gefällt!

Kawandi

Afrikanisch-stämmige Inderinnen, als Siddis bekannt, haben auch Traditionen aus Afrika beibehalten, unter anderem die Kunst der Patchwork Quilts, bekannt als „Kawandi“. Traditionell werden Quilts für Familienmitglieder hergestellt und als Schlafmatratzen bei warmem Wetter oder als Decke während der kühlen, feuchten Monsunzeit verwendet. Viele Quilterinnen sind ältere Frauen, die nicht mehr auf dem Feld arbeiten können, oder es arbeiten auch mehrere Frauen zusammen, um einen Quilt aus alten, abgenutzten Kleidungsstücken herzustellen. Als Untergrund wird ein Baumwollsari, das traditionelle Kleid der indischen Frauen, verwendet.

Diese Quilts werden von außen nach innen gearbeitet – anders als unsere Quilts. In der Regel werden die vier Ecken zuerst festgelegt, wobei viele der Kawandi-Quilts in jeder der vier Ecken eingebettete Ls aufweisen. Die Stofffleckerl werden mit umgebogenen Rand mit einfachen Vorstichen, von den Außenkanten in das Zentrum, dem Bauch, gelegt und festgenäht. Viele Quilts haben zusätzlich kleine dekorative Stofffleckerl auf der Oberseite, die „Tikeli“ genannt werden. Die letzte dekorative Arbeit besteht darin, dass an jeder Ecke des Quilts zu Dreiecken gefaltete Stoffstücke, die wie stilisierte Blumen aussehen, angenäht werden. Ein Kawandi-Quilt gilt als „nackt”, wenn diese „Phula”-Blumen nicht vorhanden sind.

Spuren von Afrika in Indien – die Geschichte der Siddi-Quilts mit vielen Fotos

Angetan von der Technik der Kawandi- oder Siddiquilts führen diese zwei Links zu Beiträgen mit guten Bildern und zeigen, wie auch kleine Stoffreste noch verwertet werden können. Das Garn kann ruhig etwas dicker sein, denn man soll die Struktur der Stiche gut sehen. Oben drauf setzt man beim Nähen noch einige Highlights, die “tikeli”.
https://doppelstich.de/2021/01/kawandi/
https://quirksltd.wordpress.com/2021/01/18/siddi-quilts-aka-kawandi/

Die Beispiele auf dem Blog von „Piece Love and Happiness“ zeigen die Technik mit modernen Stoffen und der Nähmaschine gesteppt. Die L´s und die Blumen an den vier Ecken sind auch Teil der modernen Art.

Lasse dich inspirieren von den farbenprächtigen bunten Kawandi-Quilts von Margret Fabrizio.

Viel Vergnügen beim Stöbern
Anna Maria Winkler (W)

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